Fünf Fragen

an Regina Heimhilcher-Mitterhuber, Mitbegründerin des Sterntalerhofs

© Werner Zangl

Regina, du hast vor 20 Jahren den Sterntalerhof mitbegründet. Was hat dich damals bewegt?

Das oft wirklich sehr leidvolle Schicksal schwerkranker Kinder, ihrer Eltern und ihrer Geschwister. 1998 gab es für betroffene Kinder und Jugendliche kaum Betreuungsangebote außerhalb des Krankenhauses. Wir waren damals Vorreiter – mit unseren tiergestützten, naturverbundenen Therapieangeboten und unserem ganzheitlich orientierten Therapieansatz. Ich wollte den Kindern, die in ihren jungen Jahren schon mit so schwierigen Lebensgeschichten leben müssen, eine möglichst glückliche Zeit im Kreise ihrer Familie bieten. Ich wollte ihnen das ermöglichen, was mir auch selbst immer wieder viel Freude und Kraft gibt: Kontakt und Beziehungen zu Tieren, Erlebnisse in der Natur, Bewegungserfahrungen auf dem Pferd, innerhalb ihrer Familie unbeschwerte, freudvolle Momente erleben.

Wir wollten bewusst „hinschauen“ und das Leid von anderen Familien nicht ausgrenzen – sondern offen sein, gemeinsam „Leben gestalten“ und in existenziellen Krisenzeiten begleiten. Darin findet sich auch mein wichtigster Gedanke bei der Gründung des Sterntalerhofs vor 20 Jahren: Jedem einzelnen Kind in seinem „So-Sein“ das Gefühl von tiefem Angenommen-Sein zu vermitteln. Ohne Wenn und Aber zum Ausdruck zu bringen: „Es ist gut, dass es Dich gibt!“ Und jedem Familienmitglied das Angebot machen: Am Sterntalerhof gibt es Menschen, die dich offenherzig ein Stück deines Weges begleiten. Dass das bis heute so geblieben ist – dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Wenn du heute siehst, was aus dem Sterntalerhof geworden ist – was denkst du?

Ich durfte heuer im Juni wieder ein paar Tage am Sterntalerhof mitleben. Ich bin immer sehr berührt von der angenehmen Atmosphäre am Hof. Der Sterntalerhof hat seine eigene Ausstrahlung: Angenommen sein, Zeit haben, innere Ruhe finden, zu sich selbst zurückkehren, in Gemeinschaft Nähe, Begleitung, Wärme erfahren können, in Gesprächen zu mehr Klarheit kommen, den Augenblick genießen können, wieder neues Vertrauen finden. Einfach Da-Sein.

Die Anlage, die Harald Jankovits mit seinem Team und vielen Helfern die letzten 9 Jahre geschaffen hat, bringt für mich wirklich glaubwürdige „Nächstenliebe“ zum Ausdruck. Sie ist ein lebendiges und wachsendes Zeichen dafür, dass viele Menschen zusammen halten und am richtigen Strang ziehen. Harald gebührt meine größte Anerkennung für seinen persönlichen Einsatz, sein Durchhaltevermögen und seine Bereitschaft täglich weit mehr als nur das normale Arbeitspensum zu investieren. Auch meinen langjährigen Kollegen und Kolleginnen Lisa, Claudia, Michi, Christopher und auch allen anderen, die täglich im Einsatz für Menschen in schweren Krisen sind, bin ich immer wieder mit großem Dank verbunden.

Ich bin nach meinen „Kraftschöpfe-Tagen“ Ende Juni mit vielen positiven Erfahrungen, berührt und beschenkt wieder heimgefahren. In meiner mentalen Arbeit bin ich täglich mit dem Sterntalerhof, den betroffenen Kindern, ihren Familienangehörigen und den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen verbunden. Ich empfinde große Dankbarkeit, dass es den Sterntalerhof gibt – genau so, wie er in Kitzladen „lebt“.

Wie gehst du mit besonders traurigen Momenten deiner Arbeit um?

Ich habe die letzten 25 Jahre in meinem Beruf nahezu unendlich viele traurige Momente erlebt. Lebensgeschichten, die mir unfassbar erschienen, die aber Realität waren. Wenn ich eine traurige Situation in meiner Arbeit erlebe, dann zeige ich das auch – oder ich teile es mit. Ich mag auch in meiner Arbeit immer „Mensch sein“ und berührbar bleiben. Das Leid anderer Menschen berührt mich ausnahmslos immer und ich möchte Menschen begleiten, ihnen mit meinen ehrlichen Gefühlen begegnen und ihnen als ganzer Mensch zur Verfügung stehen. Manchmal kommt es auch vor, wenn mir eine Situation sehr nahe geht oder mich sehr berührt, dass mir die Tränen runter fließen und wir gemeinsam weinen. Wenn es so kommt, dann darf das so sein.

Ehrlichkeit und Authentizität erscheint mir in der Begleitung von schwerkranken Kindern besonders wichtig – ich habe häufig ehrlich meine eigene, tiefe Betroffenheit, mein eigenes Nicht-verstehen-Können, meine Trauer und meine eigene Angst in Begleitungen angesprochen und auch zum Ausdruck gebracht. Das habe ich im Nachhinein immer als richtig und essentiell beziehungs- und begegnungsfördernd erlebt. Begleitung in einem so existenziellen Lebensbereich mit lebenslimitierend und lebensbedrohlich erkrankten Kindern bleibt aber auch für mich immer ein Wagnis – ein Bemühen um aufrichtigen, ehrlichen Umgang mit meinen Mitmenschen in ihrer Not und auch im Umgang mit meinen eigenen Gefühlen vor unausweichlich vorhandenen existentiellen Lebensthemen; ein Bemühen um die Bereitschaft, alle Ausdrucksformen des Lebens anzuschauen, ohne sie in mir nach meinen eigenen Wertungen verändern oder verleugnen zu müssen.

Wie definierst du „Glück“?

Das größte Glück für mich ist, dass ich gesund bin und ein selbstbestimmtes, freies, glückliches Leben führen darf. Immer wieder aufs Neue bin ich dankbar, dass ich das Glück hatte meinem Mann Rainer zu begegnen und mit ihm unser gemeinsames Leben genießen kann. Mein eigenes kleines Glück finde ich täglich in vielen kleinen Augenblicken, die ich in vollen Zügen genieße und die ich versuche, mir im Alltag oft auch selbst zu gestalten: Dazu gehören meine täglichen Spaziergänge im Wald mit unserer Hündin Ashantii, Begegnungen mit Menschen, eine schöne Blumenwiese, innehalten in der Natur, die kräftigen Farben der Rosen in unserem Vorgarten, meine täglichen Meditationen in Stille und – mein „geliebter“ Milchkaffee. Es macht mich auch glücklich, mein eigenes Glück mit anderen teilen zu können. Oder noch besser: Andere ein bisserl anzustiften, zum Glücklichsein!

Wenn du dir eines aussuchen kannst: Für welches Thema möchtest du unsere Gesellschaft stärker sensibilisieren?

Ich erlaube mir, diese Frage auf mich selbst und mein nächstes Umfeld zu reduzieren – weil ich sehr gerne im „Kleinen“ wirke und mich in einem überschaubaren Rahmen wohler fühle. Für mein eigenes Leben bemühe ich mich, gut auf mich zu schauen, immer wieder für mich selbst gute, bewusste Entscheidungen zu treffen und dabei gut auf mein Herz zu hören – so dass ich gut bei mir selbst sein kann und ein für mich ehrliches, stimmiges Leben in und mit meiner Umwelt erschaffe. Ich achte mehr auf das „Sein“ und weniger auf das „Haben müssen“. Dann bleibt mir mehr Zeit für die mir wichtigen Angelegenheiten, für schöne freudvolle Momente und für Zeit in meiner Familie. Nach dem Gedanken von Martin Buber möchte ich bei mir selbst anfangen, aber nicht mich selbst zum Ziel haben. Da kommt dann der Gesellschaft wieder etwas zu Gute.

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