Ein weiter Weg

Sieben Grenzen hat Amina Rahmani überwunden, um nach Österreich zu gelangen – um hier an neue Grenzen zu stoßen.

Den Ring. Ich habe meinen Ring vergessen. Weißt du, Frau Claudia, ich stand im Badezimmer bei der Morgentoilette, als Farid plötzlich wieder nach Hause kam. Ich kam frisch aus der Dusche, mein Haar war noch nass. Der Ring lag wie immer auf dem Waschbecken. Es musste alles so schnell gehen, an den Ring habe ich nicht mehr gedacht. Ich habe mir schnell irgendetwas angezogen, wir sind ins Kinderzimmer gelaufen, haben Sanja aus dem Bett geholt und dann sind wir aus dem Haus, ganz schnell, zum Auto. Ohne Kleider einzupacken. Ohne Sanjas Medikamente. Ohne Windeln. Ohne den Ring. Wir sind einfach weggefahren, schnell raus aus der Stadt. Und dann durchs Land, vielleicht dreihundert, vierhundert Kilometer weiter, in eine größere Stadt, zu Farids Freund.
Nur diesem Freund konnten Farid und Mina damals vertrauen. Er war es, der Farid vor Jahren eine Bibel mitgebracht hatte, aus Pakistan. Farid und Mina hatten darin zu lesen begonnen. Weißt du, Frau Claudia, wir haben Jesus bewundert, sein Leben, sein Leiden. In Ländern wie Afghanistan jedoch begibt sich in Lebensgefahr, wer mit anderen Religionen liebäugelt, geschweige denn konvertieren will. Das kleine Kreuz über Sanjas Bettchen, Mina musste es immer abhängen, bevor sie der Arzt besuchte, um Sanja zu untersuchen. Einmal, nur ein einziges Mal, hatte sie darauf vergessen. Und bald darauf kam er, der Tipp von Farids Chef, an jenem schicksalhaften Morgen: Fahr sofort nach Hause. Pack deine Frau und dein Kind und verschwinde. Die kommen euch holen, heute noch. Ich weiß es von meinem Cousin. Und wen sie holen, der kehrt nicht zurück.

„Frau Claudia” ist Claudia Ritter, Trauertherapeutin am Sterntalerhof | © Sterntalerhof

„Frau Claudia” ist Claudia Ritter, Trauertherapeutin am Sterntalerhof | © Sterntalerhof

Erschieß mich!

Weißt du, Frau Claudia, wenn man auf der Flucht ist, begegnen einem gute und keine guten Menschen. Farids Freund ist ein guter Mensch. Drei Tage konnten wir uns bei ihm verstecken. Dann wurde auch das zu gefährlich. In einem Lieferwagen sind wir losgefahren, wir sind hinten gesessen, auf Kisten, mit zwei anderen Männern. Ich erinnere mich nur, es war kalt in dem Lieferwagen. Wir konnten nicht sehen, wo wir sind. Ob es Tag ist oder Nacht. Und du weißt, dass Sanja nicht sitzen kann, Farid und ich haben sie am Schoß gehalten, so gut es ging. Wir sind viele Tage gefahren und viele Nächte – bis in die Türkei. Auch dort: Gute Menschen. Eine Familie, wir konnten bei ihnen wohnen. Wir hatten zu essen. Wir hatten Medikamente gegen Sanjas Fieber. Aber auch dort konnten wir nicht bleiben. Nach drei Monaten mussten wir weiter, nach Athen. Dort hat uns ein Mann auf ein Schiff gebracht, in der Nacht. Wir haben uns in einem Frachtraum versteckt, mit vielen anderen Menschen. Der Mann hat auf uns aufgepasst. Kein guter Mensch. Wir mussten immer leise sein. Durften nur flüstern. Aber Sanja, sie konnte nicht leise sein. Nach zwei Tagen hat sie hohes Fieber bekommen und Krämpfe und sie hat nur noch geweint. Der Mann ist gekommen, hat mich geschlagen, hat mich angeschrien, ich solle sie beruhigen. Aber wenn Sanja einen Anfall hat, kann man sie nicht beruhigen. Dann hat er eine Pistole aus der Tasche gezogen. Weißt du, Frau Claudia, ich habe mein Herz klopfen gespürt, bis in den Hals. Und trotzdem war ich wütend auf den Mann. Da habe ich zu ihm gesagt, gut dann erschieße sie. Aber da musst du zuerst mich erschießen. Und Farid. Und alle anderen Menschen sehen das. Also los, erschieß mich. Weißt du, Frau Claudia, da hat er sich umgedreht und ist gegangen.

Im Herbst 2015 erreichen Mina, Farid und Sanja Österreich. Von dem Arzt, der Sanja in einer Notunterkunft für Flüchtlinge erstversorgt, weiß Mina nur noch, dass er blond war. Er erkennt, dass das Leben des 8 jährigen Mädchens an einem seidenen Faden hängt: Sanja ist von Geburt an körperlich und geistig beeinträchtigt und leidet unter starken epileptischen Anfällen. Die langen Wochen der Flucht haben das Kind gezeichnet, es ist schwer unterversorgt. Der blonde Arzt überweist Sanja ins Wiener Donauspital, Mina und Farid beziehen ein Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft. Weißt du, Frau Claudia, ich war so glücklich. Im Spital gibt es eine Ärztin, sie ist ein guter Mensch, sie war so gut zu Sanja. Wir konnten sie jeden Tag besuchen. Wir hatten zu essen. Wir hatten ein sauberes Bett. Wir waren sicher. Wir hatten eine Zukunft, ich konnte sie spüren. Mina und Farid stürzen sich auf die deutsche Sprache. Und zögern nicht lange das nachzuholen, was ihnen in ihrer Heimat verwehrt blieb: Sie lassen sich taufen. Sie heiraten. Weißt du, Frau Claudia, wir haben uns Ringe gekauft. Ringe aus Blech – aber Ringe. Endlich habe ich meinen Ring zurück.

Nur wenige Monate später bekommt Farid Kopfschmerzen. Zuerst nur leicht, dann immer stärker. Die Diagnose zieht dem jungen Paar den frisch gewonnen Boden unter den Füßen wieder weg: Darmkrebs, fortgeschritten, Farid bleiben nur noch Monate. Der junge Mann ringt um Halt, Mina taumelt vor Angst. Die Ärztin im Donauspital sieht die Verzweiflung und kontaktiert den Sterntalerhof. Im Frühling 2018 kommt die Familie erstmals im Südburgenland an – Mina und Farid mit dem Bus, Sanja mit einem Wagen der EuroAmbulance. „Es war ihnen so wichtig, die 150 Euro Selbstbehalt für den Krankentransport aus eigener Kraft zu begleichen“. erinnert sich Claudia Ritter, Trauertherapeutin am Sterntalerhof, „sie haben wochenlang darauf gespart.“ Eine eigene kleine Wohnung, eine ganze Woche lang, mit eigenem Bad und Terrasse – schon das ist für Mina und Farid unerreichbarer Luxus. Ein Erstgespräch, geprägt von tiefer Bescheidenheit, ein kurzer Kontakt mit den Pferden – für Claudia steht schnell fest, dass es vor allem Ruhe ist, die das Paar jetzt braucht – und gemeinsame Zeit, als Familie, zu dritt. Ganz bewusst reduziert sie das umfangreiche Angebot am Sterntalerhof auf ein Minimum und fokussiert darauf, Mina bei der Pflege ihrer Familie zu entlasten. Für Sanja steht ein kuscheliges Rollbett bereit – das ermöglicht der Familie Spaziergänge in den Feldern und Wäldern rund um den Sterntalerhof. Dankbar nehmen Mina und Farid jede Stunde an, saugen den Frühling tief in sich auf. Weißt du, Frau Claudia, es ist wunderbar, dass wir hier sein dürfen. Es ist der beste Ort der Welt. Zum Abschied schenkt das Team der Familie das Rollbett, in dem sich Sanja so wohl fühlt. Und Claudia schenkt Farid ein kleines Kreuz aus Holz. Sie weiß, dass sie ihn nicht wiedersehen wird.

Der Nikolo kommt: Jedes Jahr schlüpft Seelsorger Franz Horvath ins rote Kostüm. Und wenn er dann hoch zu Ross am Sterntalerhof einreitet – halten nicht nur unsere Kinder den Atem an... | © Sterntalerhof

Der Nikolo kommt: Jedes Jahr schlüpft Seelsorger Franz Horvath ins rote Kostüm. Und wenn er dann hoch zu Ross am Sterntalerhof einreitet – halten nicht nur unsere Kinder den Atem an... | © Sterntalerhof

Ein Sackerl für Sanja

Es wird schon fast Winter, als Mina mit Sanja an den Sterntalerhof zurückkehrt. Jetzt – ringt sie um Fassung. Der Schmerz, er ist stark. Sie hat die Liebe ihres Lebens verloren. Sie steht vor einer ungewissen Zukunft. In einem fremden Land. Mit einem schwer kranken Kind. Und sie spürt, dass ein weiterer Abschied bevorsteht. Denn irgendwann wird Gott auch Sanja viel zu früh zu sich berufen. In den kommenden zwei Wochen will Claudia die junge Frau begleiten, sie bestmöglich stärken. Nach Minas starker innerer Ressource muss sie dabei nicht lange suchen. „Ihr Glaube ist ursächlich für die Flucht aus ihrer Heimat. Ihr Glaube hat sie begleitet, in all den Momenten der Angst und der Unsicherheit – und ihr Glaube ist es auch jetzt, der ihr neue Kraft geben kann.“ Hier knüpft Claudia an. Die Weihnachtszeit steht bevor, eine Zeit der Stille, eine Zeit der Einkehr – auch am Sterntalerhof. Weißt du, Frau Claudia, der Nikolo, ich habe ihn noch nie gesehen. Mina bindet den ersten Adventkranz ihres Lebens – und gleich danach noch einen zweiten, als Geschenk für die Ärztin in Wien, der sie so viel zu verdanken hat. Und dann soll er tatsächlich kommen, der Nikolo. Am Sterntalerhof ist erster Schnee gefallen, Kerzen brennen, die Kinder warten vor dem Stall, bei heißer Schokolade und Kuchen mit leuchtenden Augen. Mina lässt sich anstecken, spürt kindliche Vorfreude. Plötzlich klappernde Hufe. Der Nikolo, auf einem Pferd, Seelsorger Franz Horvath ist in das rote Gewand geschlüpft und reitet ein, mit majestätischer Würde. Und als er dann vom Pferd steigt und auch für Sanja ein Sackerl mit Nüssen bringt – überkommen Mina die Tränen.

Am vorletzten Tag schreibt Mina einen Brief an Farid. Sie schreibt ihrem Mann, mit dem sie so viel erlebt und durchgemacht hat. Sie schreibt ihm, wie sehr sie ihn liebt. Dass sie immer an seiner Seite sein und ihren Ring für immer tragen wird. Gemeinsam mit Claudia und Sanja stapft sie dann durch den Schnee bis zur kleinen Kapelle. Claudia hat Luftballone vorbereitet. Vorsichtig bindet Mina ihren Brief an die Schnur. Die Luftballone drängen nach oben, zu Farid, aber Mina hält sie noch fest. Sie presst ihre Lippen zusammen. Eine dicke Träne läuft über ihre Wange. Dann hebt Sanja plötzlich ihre Arme, streckt ihre Hände so weit sie kann in den Himmel und lächelt ihre Mutter an. Mina stößt ein verweintes Lachen aus – und lässt die Luftballone los. Still sieht sie ihnen nach, bis sie zu kleinen roten Punkten werden und schließlich im Dezembergrau verschwunden sind.

Weißt du, Frau Claudia, Gott wollte, dass wir unsere Heimat verlassen. Aber Gott wollte auch, dass wir es bis hierher schaffen. Nach Österreich – und an den Sterntalerhof, den besten Ort der Welt. Ich habe um mein Leben gerungen. Ich habe meinen Mann verloren. Aber jetzt bin ich da. Ich will, dass das nächste Jahr ein besseres wird. Ich will noch besser deutsch sprechen. Ich will arbeiten gehen. Ich will einen Führerschein machen. Und ich will solange Geld sparen, bis ich mir ein Auto kaufen kann – einen Van. In einem Van könnte man schlafen, wenn man unterwegs ist. Denn weißt du, Frau Claudia, ich will das Land sehen, seine Wälder, seine Berge, seine Seen, die Schönheit, die da überall ist. Ich will es sehen – und ich will es Sanja zeigen. Und dafür bleibt mir wenig Zeit.

Ein überkonfessioneller Ort des Friedens, der Ruhe und der Spiritualität: Die Kapelle am Sterntalerhof | © Sterntalerhof

Ein überkonfessioneller Ort des Friedens, der Ruhe und der Spiritualität: Die Kapelle am Sterntalerhof | © Sterntalerhof

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