Lass Blumen weinen

Wenn Menschen gedenken – sagen sie es auch durch die Blume. Zeit für einen Besuch in der Gärtnerei Gall.

Warum ausgerechnet Chrysanthemen? Wir sitzen mit Andreas Gall im Besprechungsraum seiner Gärtnerei, einem Familienbetrieb unweit des Sterntalerhofs. Von hier kommt alljährlich unser wunderbarer Adventkranz. Und hierher sind wir gekommen, um kurz vor Allerheiligen floristischem Brauchtum nachzuspüren. Warum also Chrysanthemen? Weil weiße Chrysanthemen wie auch Violen oder Hebe traditionell als Grabschmuck gelten? Wir lernen, dass Chrysanthemen in der japanischen Kultur eine hohe Bedeutung haben, dass es gar eine Chrysanthemenblüte ist, die das kaiserliche Siegel Japans ziert. Aber dann entzaubert Andreas das Geheimnis: „Es ist ihr Blühzeitpunkt“ lächelt er, „sie blüht exakt zu Allerheiligen.“

Doch es sind nicht nur die Chrysanthemen, deren Blüte in jene stille Zeit fällt, in der aller Heiligen gedacht wird – und aller Seelen. „Früher waren es vorwiegend Eriken“, erzählt Andreas. Sie blühten im Burgenland fast ausschließlich auf den Gräbern katholischer Friedhöfe, wie es auf evangelischen Gräbern auch kaum Grabkerzen gab. Über die letzten Jahrzehnte jedoch haben sich die Traditionen der einzelnen Religionen und Volksgruppen im Burgenland vermischt. „Allerheiligen an sich hatte früher einen höheren Stellenwert“, sinniert der Gärtner, „man kaufte viele, kleine und unterschiedliche Pflanzen und immer kurz vor den Feiertagen, damit sie auch ja frisch blühten, wenn die Familie am Grab zusammenkam“. In unserer heutigen, schnelleren Zeit wird der Grabschmuck schon Wochen vorab bestellt. Und man tendiert eher zu repräsentativen Gestecken als zu lebenden Pflanzen – wohl auch, weil viele Gräber heute steinerne Deckel tragen. Die florale Symbolik des Gedenkens ist dennoch geblieben, äußert sich heute in kunstvoll zusammengestellten Arrangements und Bouquets.

Die Farbe der Trauer

Auf die große Nachfrage nach Allerheiligen-Gestecken stellt sich die Gärtnerei Gall rechtzeitig ein, nicht zuletzt weil der Familienbetrieb aus Markt Allhau auch bekannte Pflanzenmärkte in ganz Österreich beliefert. „In unseren Gestecken treffen Blüten oder Palmblätter aus fernen Ländern auf Reisig aus heimischen Wäldern“. Dazu wird zunächst eine Schale mit einem nassen „Steckziegel“ befüllt. Im zweiten Schritt bilden Zweige von frisch geschnittener Nordmanntanne eine spätherbstliche Basis, die mit exotischen Blüten fertig ausgesteckt wird.

Ob die Floristik auch bei Gestecken farblichen Trends folge, wollen wir wissen. Andreas bleibt zögerlich. Es gebe schon Tendenzen, Lilatöne, Violett etwa oder einen ganz allgemeinen Trend zu mehr Natürlichkeit. Aber die eine Farbe der Trauer, die gibt es nicht. „Es ist eine persönliche, eine individuelle Frage“, sagt er nachdenklich. Das spüre er immer dann, wenn es um Blumenschmuck für Beerdigungen gehe. Dann zieht sich seine Mutter mit den Kunden hier in dieses Besprechungszimmer zurück, nimmt sich Zeit, versucht der Sprache der Blumen einen Ausdruck von Trauer zu verleihen. „Es können Nelken sein, klassisch, vielleicht bunt“ sagt Andreas „Es können auch weiße Callas sein, edel und rein, vielleicht für einen guten Freund.“ Es können aber auch rote Rosen sein, für einen Menschen, mit dem man sein Leben verbracht hat. Für die Liebe.

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